Nachhaltigkeit für Banken – der Trend der Zukunft

Das Thema Nachhaltigkeit und grüne Kredite gewinnt in der Finanzbranche seit Jahren immer mehr an Bedeutung. Was ist der Grund für diese Entwicklung?

Ari Pankiewicz: Für diese Entwicklung gibt es verschiedene Gründe. Aus gesellschaftlicher Sicht ist Nachhaltigkeit längst kein Nischenthema mehr. Über 90 Prozent der EU-Bürger sehen den Klimawandel als großes Problem, das mithilfe wirksamer Maßnahmen eingedämmt werden.

Auch politische Vereinbarungen wie etwa das Pariser Abkommen, die Agenda 2030 der Vereinten Nationen oder der Green Deal der EU verdeutlichen den steigenden Stellenwert des Themas. All diese Entwicklungen zeigen sich schlussendlich auch in der Finanzbranche, u.a. durch zunehmende Regulierungen, aber auch in Form von Innovationen.

Beispiele dafür sind die verschärften Berichtspflichten für Unternehmen oder die EU-Taxonomie zur Klassifizierung von nachhaltigen wirtschaftlichen Aktivitäten. Es ist aber auch der Markt rund um das Thema Nachhaltigkeit, der sich zunehmend von der Nische zum Mainstream entwickelt. Kein Wunder also, dass die Nachfrage durch institutionelle Investoren steigt.

Warum spielt die Finanzindustrie so eine große Rolle beim Thema Nachhaltigkeit?

A. P.: Zum einen ist die Finanzindustrie als Investor, Kapitalgeber und Risikomanager in einer zentralen Rolle, um durch Neuausrichtung der Kapitalflüsse zur Erreichung der vereinbarten Klima- und Energieeffizienzziele beitragen zu können. 

Zum anderen ist es so, dass die Finanzindustrie selbst natürlich auch entsprechenden Risiken durch den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft unterliegt und diese managen muss. Daher reflektieren Finanzinstitute dies auch in ihrer Geschäfts- und Risikostrategie.

Mit welchen konkreten Risiken wird die Finanzbranche durch den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft konfrontiert?

A.P.: Wir sprechen hier von den sogenannten Transitionsrisiken. Diese können sich einerseits niederschlagen in einer veränderten Gesetzgebung. Ein Beispiel hierfür sind etwa steigende CO2-Preise. Andererseits haben diese Entwicklungen Einfluss auf die Themen Reputation und Technologien, beispielsweise bei der Einführung oder Etablierung neuer kohlenstoffarmer Technologien, die finanziert werden müssen. 

Weitere Risiken sind der massive Wertverlust veralteter Technologien, deren Wert dann abgeschrieben werden muss, und die veränderte Marktmeinung. Schließlich ist es sehr wahrscheinlich, dass Produkte und Dienstleistungen, die in der Vergangenheit und Gegenwart nachgefragt werden, künftig nicht mehr den Bedürfnissen der Konsumenten entsprechen.

Warum sollten Finanzinstitute grüne Produkte anbieten und welche Vorteile ergeben sich daraus?

A.P.: Das ist natürlich eine Möglichkeit, die Chancen des Nachhaltigkeitstrends zu nutzen, seine Risiken zu steuern und Unternehmen in dieser technologischen Transformation begleiten zu können. Das Ziel vieler Finanzinstitute ist es, die Organisationen zur Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele zu befähigen und diese auch selbst einhalten zu können. 

In der Praxis kann das dann so aussehen, dass sich Unternehmen das Ziel setzen, ihre Bilanz langfristig auf Kompatibilität mit einem Zwei-Grad-Pfad auszurichten. Dafür muss man die entsprechenden Kredite und Anlagen in der Bilanz haben. Also kann man sich durch die vermehrte Vergabe von grünen Krediten auf diesen Pfad begeben.

Eine der Maßnahmen, die die Entwicklung nachhaltiger Finanzprodukte wie etwa grüne Kredite zum Mainstream unterstützen soll, ist die Taxonomie für nachhaltige Aktivitäten. Welches Ziel hat dieser neue EU-Standard?

A.P.: Die Taxonomie ist Teil des Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums der EU. Sie soll durch Klassifizierung von wirtschaftlichen Aktivitäten als nachhaltig ein klares Regelwerk und einen transparenten Standard schaffen, durch den Vergleichbarkeit hergestellt werden kann. Auf diesen Standard sollen sich dann auch Finanzprodukte beziehen können. Auch bei der Entwicklung eines EU Ökolabels für Finanzprodukte spielt die EU-Taxonomie eine Rolle. Außerdem geht die Taxonomie in den EU Green-Bond-Standard ein. Grundsätzlich ist es auch so, dass der Nachhaltigkeitsanspruch der EU-Taxonomie nicht auf den Klimawandel beschränkt ist, sondern auch weitere Umweltaspekte umfasst. 

Rund um die Begrenzung des Klimawandels unterscheidet die Taxonomie zwischen wirtschaftlichen Aktivitäten, die heute bereits als klimaneutral gelten, Aktivitäten, die sich auf einem Transitionspfad befinden und Aktivitäten, die unter den Begriff „Enablement“ fallen. Hierzu gehören beispielsweise Aktivitäten zur Bereitstellung von Infrastruktur für Windräder. Diese Einteilung ermöglicht es Kreditinstituten und Kapitalanlegern die entsprechenden Unternehmen, die solche Aktivitäten anbieten oder an der Schwelle dazu stehen, durch Kreditvergabe zu ermutigen, den Weg zu mehr Nachhaltigkeit weiter zu bestreiten. 

Diese Einteilung ist natürlich dynamisch und wird sich durch den technologischen Fortschritt mit der Zeit verändern. Der freiwillige Nutzen als Basis für Kredite ermöglicht darüber hinaus natürlich auch eine weitere praxiserprobte Standardisierung des Prozesses.

Wo sehen Sie die Herausforderungen und Vorteile eines solchen grünen Klassifizierungssystems auf EU-Ebene?

A.P.: Die Vorteile der EU-Taxonomie sind ganz klar: Transparenz, Vergleichbarkeit und Verwendung einer gemeinsamen Sprache sowie eine wissenschaftsbasierte Unterlegung der Frage, unter welchen Voraussetzungen Aktivitäten als „klimaneutral“, „transitioning“ oder „enabling“ gelten. Als besondere Herausforderung sehe ich ganz klar die Datenverfügbarkeit, die momentan in großen Teilen noch nicht gegeben ist. Das gilt insbesondere für  mittelständische Unternehmen. 

Diesen Umstand kann man aber auch als Chance begreifen: Gerade weil die Taxonomie so eine zentrale Position einnimmt, ist es natürlich klar, dass genau diese Daten auch nachgefragt werden und dass Unternehmen im Rahmen von Kapitalaufnahme und Kreditvergabe gezwungen werden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und entsprechende Daten bereitzustellen. 

Eine weitere Herausforderung ist natürlich die Komplexität des Themas. Allein der technische Report zur EU-Taxonomie umfasst mehrere hundert Seiten. Hier werden unter anderem folgende Fragen geklärt: Wann kann eine Aktivität als nachhaltig gelten? Was muss dafür alles geprüft werden? Wer die Taxonomie erfolgreich umsetzen will, muss deshalb effiziente Prozesse etablieren und operationalisierbar machen. 

Weil die Taxonomie kein statisches Gebilde ist und sich mit Zeit weiterentwickeln wird, müssen Finanzinstitute außerdem darauf achten, ihre Umsetzung so flexibel und adaptierbar wie möglich zu gestalten, um Ineffizienzen zu vermeiden.

Die Anwendung der EU-Taxonomie ist für Kreditinstitute bis dato nicht verpflichtend. Warum sollten diese die Taxonomie dennoch nutzen?

A.P.: Die Taxonomie schafft zunächst einmal Vergleichbarkeit für Kunden und Unternehmen. Anwender können also auf einem Branchenstandard aufbauen, der die Akzeptanz und Beliebtheit ihrer Produkte weiter steigern wird. Darüber hinaus wurde von der European Banking Authority vor Kurzem eine Guideline zur Vergabe und Überwachung von Krediten eingeführt, die empfiehlt, Prozesse für nachhaltige Finanzprodukte einzuführen. Diese Prozesse müssen nicht auf der Taxonomie aufbauen, es bietet sich aber natürlich an.

Wie können Finanzinstitute die Komplexität der EU-Taxonomie und der damit verbundenen Entscheidungsprozesse erfolgreich meistern?

A.P.: Zunächst braucht man ein strukturiertes Daten- und Dokumentenmanagement, um Vorgaben, Checklisten, Due Diligence und Prozesse korrekt und möglichst effizient umsetzen zu können. Hier bietet es sich natürlich an, neue digitale Technologien wie etwa Process Engines, künstliche Intelligenz, Text-Analytics-Methoden oder Prozessmanagement-Tools zu nutzen. 

Da die Taxonomie nicht statisch ist und sich künftig weiterentwickeln wird, ist es außerdem wichtig, Experten zur Prüfung von Nachhaltigkeitsaspekten mit an Bord zu haben. Ein weiterer Punkt ist die IT-Architektur: Sie sollte so einfach wie möglich und so komplex wie nötig sein.

Weshalb sollten Finanzinstitute Prozessmanagement verwenden, um die Komplexität der Taxonomie zu meistern?

A.P.: Grundsätzlich kann man sagen, dass die Digitalisierung in allen Bereichen an Bedeutung gewinnt und ein wesentlicher Treiber für Effizienzsteigerungen ist. Eine Voraussetzung für diese positive Entwicklung ist die Fähigkeit der Unternehmen, interne Prozesse sowie Datenflüsse und Entscheidungskriterien sauber dokumentieren zu können. Darüber hinaus sind Finanzinstitute in ganz Europa von immer umfangreicheren regulatorischen Anforderungen betroffen. 

Umso wichtiger ist es, dass die Komplexität der Taxonomie auf ein notwendiges Maß reduziert wird. Damit die Prozesse dann auch unternehmensweit umgesetzt und bei Bedarf angepasst werden können, braucht es eine Lösung, die Zusammenhänge möglichst einfach und transparent darstellt, die vielen kompetenten Mitarbeitern zugänglich ist und nicht nur einigen wenigen Experten. Die Hemmschwelle muss gesenkt werden.

Worauf sollten Banken bei der Umsetzung eines Green Loan Frameworks achten?

A.P.: Wichtig ist vor allem, dass man eine Struktur wählt, die zur eigenen Aufbauorganisation, den bestehenden Prozessen und dem eigenen IT-System passt und sich einfach integrieren lässt. Außerdem ist es entscheidend, die Komplexität soweit wie möglich in einfache, kleine, klar verständliche Prozesse zu zerlegen – Stichwort niederschwelliger Einstieg. 

Anwender sollten ihre Prozesse darüber hinaus soweit wie möglich digitalisieren und auf Modularisierung und Erweiterbarkeit achten. Der Fokus auf ein Ende-zu-Ende-Daten- und Dokumentenmanagement ist natürlich auch ein ganz wichtiger Punkt. So können Finanzinstitute sicherstellen, dass alle notwendigen Informationen auch wirklich vorliegen, wenn sie benötigt werden. Auf personeller Ebene sollten klare Verantwortlichkeiten geschaffen werden, um die Überwachung und Umsetzung des Green Loan Frameworks zu gewährleisten. Es gibt hier nicht den Königsweg, passgenaue Lösungen zu Prozessen, Datenmanagement und Governance sind individuell und in Bezug auf die bestehenden Strukturen zu entwickeln.

Welche Entwicklungen in puncto nachhaltige Finanzprodukte sowie Prozessmanagement in diesem Bereich erwarten Sie in den kommenden Jahren?

A.P.: Aktuell werden wir quasi Zeuge von einem Paradigmenwechsel: Das Thema Nachhaltigkeit hält Einzug in den Mainstream. Im Bereich nachhaltige Finanzprodukte und grüne Kredite erwarte ich daher ein starkes Wachstum, und zwar über die Projektfinanzierung – also die zweckgebundene Vergabe von beispielsweise grünen, sozialen und Nachhaltigkeitskrediten. Darüber hinaus werden meiner Meinung nach sogenannte ESG-linked Kredite stark an Bedeutung zunehmen. 

Diese Kredite sind eben nicht an bestimmte Projekte gebunden, sondern haben stattdessen zum Ziel, das Nachhaltigkeitsprofil der Kreditnehmer in ambitionierter Art und Weise zu stärken. Daher wird dieser Markt gerade für kleinere Unternehmen immer interessanter, die ja speziell in Deutschland zu den wichtigen Kunden der Finanzinstitute gehören. 

Möglich wäre auch eine Ausweitung dieses Angebots auf Privatkunden, indem man nachhaltige Aspekte in die Konsumentenfinanzierung einfließen lässt. Zentraler Fokus wird jedoch mittelfristig die nachhaltige Unternehmensfinanzierung bleiben. 

In puncto Prozessmanagement wird das Thema Effizienz künftig noch wichtiger werden, um Kosten zu sparen und die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen. Der Einsatz von Prozessmanagement durch Banken im Bereich Nachhaltigkeit bietet aus meiner Sicht eine große Chance für Wachstum – gerade deshalb, weil effiziente Prozessmanagement-Lösungen Prozessdokumentation, -steuerung, -automatisierung und -überwachung aus einer Hand anbieten.

Grüne Kredite: Nachhaltigkeit für Banken dank Prozessmanagement

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Veröffentlicht am: 4. August 2020 - Letzte Änderung am: 4. August 2020